5150 Elm's Way

5150 Elm's Way

Originaltitel: 5150, Rue des Ormes
Genre: Thriller
Regie: Éric Tessier
Hauptdarsteller: Marc-André Grondin • Normand D\'Amour
Laufzeit: 106 min.
Label: I-On Media
FSK 18

5150 Elm's Way   23.10.2010 von Beef Supreme

Königin von D2 auf E5, Springer von C6 auf B4, Turm von A1 auf A5 – Matt. Schach, das Spiel der Könige, viele Jahrhunderte alt und neben World of Warcraft eins der bekanntesten Spiele dieser Erde. So manch einer entsendet seine Bauern in die Schlacht, opfert seine Königin, um das Leben seines Königs und die Ehre auf dem Felde zu retten - viele nur aus Spaß, einige als Sport und wenige haben es zur Meisterschaft gebracht. Doch für alle ist es nach wie vor nur ein Spiel. Außer für Yannick. I-Ons neue Reihe „Störkanal“ präsentiert uns mit „5150 –Elm’s Way“ einen eindrucksvollen Psychothriller, der aus dem 64 Felder-Brett mehr macht als nur simplen Zeitvertreib.

 

Yannick, ein junger, ambitionierter Amateurfilmer, führt ein Leben wie viele andere in seinem Alter. Er wohnt noch bei den Eltern, hat eine Freundin und viele Träume und Visionen. Eines Tages erhält er einen Brief von der Kunsthochschule, welche seine Bewerbung akzeptiert. Die Freude ist groß und flugs werden die Umzugskartons gepackt. In seiner neuen Heimat, einem kleinen, nicht näher benannten Ort, macht sich Yannick zuerst mit seiner neuen Umgebung vertraut. Doch eine schwarze Katze, welche von rechts nach links seinen Weg kreuzt, wird seine Zukunft grundlegend verändern. Denn diese verursacht einen Fahrradunfall direkt vor Haus 5150 in der Rue des Olmes. Das Fahrrad ist Schrott und Yannick braucht einen Transport nach Hause, also bittet er den Hausherrn um Hilfe. Nachdem dieser längere Zeit im Haus verschwunden ist, Yannick wollte er nicht herein bitten, wird er ungeduldig und betritt das Domizil. Dort macht er eine schaurige Entdeckung. In einem verwahrlosten Raum befindet sich ein schwer verletzter, um Hilfe bettelnder Mensch, welcher kurz darauf in eine bessere Welt einkehrt. Seinen Platz nimmt nun Yannick ein, da Beaulieu, der Hausbesitzer, ihn nach diesem Fund nicht mehr gehen lassen darf.

 

Yannick, gefangen und verängstigt, macht nach und nach Bekanntschaft mit der gesamten Familie, die so gar nicht in das Schema des Folter- und Sadisten-Rahmens passt. Sie bieten ihm an, mit sich zu Abend zu essen, behandeln in freundlich, wenn auch bestimmt und setzen ihn keiner Tortur aus. Beaulieus Frau Maude, eine von Selbstzweifeln geplagte Hausfrau ohne jegliches Selbstbewusstsein, eine trotzige Tochter im Teenager-Alter mit sadistischen Neigungen und die kleinste Tochter, eine Autistin, gesellen sich neben den resoluten Ehemann und Vater. Nach anfänglichen Fluchtversuchen, welche einen Beinbruch zur Folge haben, findet Yannick nach und nach heraus, dass er ungeschlagener Schachspieler ist, was Beaulieu tut,  wer der sterbende Mann war und was ihm, seinem Ersatz, blühen wird. Denn sein Wächter wählt seine Opfer keineswegs willkürlich aus. Beaulieu versteht sich nämlich als Weißer Richter, als Verteidiger der Gerechtigkeit. Er wählt ungestrafte Verbrecher aus und tötet diese. Keine Folter, keine unnötige Gewalt, das ist seine Prämisse. Da Yannick nicht in sein Raster der bösen Menschen passt, schlägt er ihm vor, das Spiel der Könige zum Spiel um sein Leben zu machen. Was Beaulieu wirklich vorhat, wird Yannick erst viel zu spät klar.


Die Rückseite des Covers bezeichnet „5150 – Elm’s Way“ als knallharten Schocker und setzt ihn auf eine Stufe mit den knüppelharten Franzosen-Magenverdrehern „Inside“ und „High Tension“. Dieser Vergleich ist nicht angebracht, da dieser Film weder solch eine krasse Thematik behandelt, noch sich ultrarealistischen Gewaltausbrüchen bedient. Tatsächlich finden sich, abgesehen von der ein oder anderen Maulschelle, nur zwei Szenen, in denen Gewalt dargestellt wird. Mehr hat dieses Werk aber auch nicht nötig, denn es funktioniert auf einer anderen Ebene, nämlich der psychischen. Ohne Yannicks Einfluss wäre alles beim Alten geblieben. Doch allein durch sein bloßes Erscheinen bricht alles auseinander - die Familie, Beaulieus Pläne, ja sogar Yannick selbst. Und dies wird so überzeugend dargestellt, dass der Film durchgehend spannend bleibt, obwohl, objektiv betrachtet, kaum etwas passiert. Es finden sich keine Schockmomente, keine Blutbäder oder sonstige Schauwerte, sondern einzig gute Schauspielkunst und eine sehr düstere Atmosphäre. Die glaubwürdige Darstellung Beaulieus zum Beispiel, der Yannick in einem Moment mit der Schrotflinte bedroht, im nächsten jedoch sein Bein verarztet und ihm zu essen bringt, zeigt die Ambivalenz des Ganzen. Yannick wird gefangen gehalten, aber nicht getötet, sondern fast wie ein gebetener Gast behandelt. Dieser versucht zwar zu fliehen, spielt aber Schach mit dem Mann, der ihm die Freiheit raubte - und Maude, hin- und hergerissen zwischen Loyalität ihrem Mann gegenüber und Mitleid mit dem armen Amateurfilmer.

 

Diese Instabilität der dargestellten Personen lässt den gesamten Film unberechenbar werden und das macht ihn spannend. Der Handlungsverlauf schaukelt sich durch diese Unvorhersehbarkeit bis zum Ende hin immer weiter hoch, bis das Ganze in einem Finale mündet, welches doch gewisse Grenzen überschreitet.

 

Eingefangen wird dieses große Kino in sehr klaren, sauberen Bildern und schön anzusehenden Kamerafahrten. Zu keiner Zeit lassen sich irgendwelche optischen Schwächen ausmachen. Sogar für einige hübsche CGI Sequenzen hat das Budget gereicht. Der Ton macht auch alles richtig, gut gemischt, klar, und an den entsprechenden Stellen knackig. So schön kann ein Baseballschläger kombiniert mit Knochen klingen. Auch die deutschen Synchronstimmen können alle Facetten dieses Thrillers passend einfangen und vermitteln. Zu Bemängeln ist einmal mehr die magere Ausstattung mit Bonusmaterial. Gerade bei solch einem Film, der in einem schön aufwendig gestalteten Digipak Pappschuber mit Extra Booklet daherkommt, hätte man sich mehr als nur schnöde Trailer gewünscht. Aber leider ist auch bei der Verpackung nicht alles perfekt. Warum muss denn dieses überaus große und hässliche FSK Logo auf Schuber und Hülle gleichermaßen prangen? Sowas muss nicht sein.


Das Fazit von: Beef Supreme

Beef Supreme

Schachmatt. Ich bin zwar kein großer Schachspieler, konnte dem nie wirklich etwas abgewinnen. Zu lange sind die Wartezeiten zwischen zwei Zügen, zu komplex (kleine Rochade bitte, mit Zucker, zum Mitnehmen) für einen ungeduldigen Laien wie mich. Daher fragte ich mich, wie man ein Brett mit 32 Holzfiguren anständig in einen Film einbauen kann. 5150 Elm’s Way zeigt wie. Ein sehr spannender Psychothriller, der mit wenig Gewalt auskommt, dafür mit brillantem Schauspiel begeistert und zum Nachdenken anregt. Hoffentlich bieten die weiteren „Störkanal“ Titel gleichartige Qualität. I-On, weiter so!


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