Mittelerde: Mordors Schatten

Mittelerde: Mordors Schatten

Publisher: Warner Bros.
Entwicklerstudio: Monolith Productions
Genre: Action
Sub-Genre: 3rd-Person-Action
Art: Fullprice
Erscheinungsdatum: 02.10.2014
USK 16

Mittelerde: Mordors Schatten   14.10.2014 von Beef Supreme

13 Jahre ist es nun schon her, dass Peter Jackson mit seinem Gefährten-Film die Sage um den Herrn der Ringe populär gemacht hat. Diese Zeitspanne brachte sechs Filme und eine Menge Versoftungen des Materials von J. R. R. Tolkien hervor. Manche besser, andere nicht ganz so toll. Monoliths Mittelerde – Mordors Schatten ist der neuste Output, der im Herr-der-Ringe-Universum angesiedelt ist und mit einer unbekannten Story punkten will, anstatt bekannte Geschichten schon wieder aufzuwärmen. Kann ein Spiel im Herr-der-Ringe-Universum ohne spielbare Zwerge überhaupt funktionieren?

 

Man steuert Talion, einen Waldläufer aus Gondor, der am Schwarzen Tor in Mordor herumlungert. Sein Problem ist Sauron, der gerade Bock drauf bekommt, Mittelerde von seinen Uruk-Heeren platt walzen zu lassen. Da der Bube aber noch nicht groß und stark genug ist, wird flugs ein Ritual aus dem zu weit geschnittenen Ärmel geschüttelt, das es leider erfordert, Talion samt Frau und Sohnemann abzustechen. Da Sterben aber Sean Bean vorbehalten bleibt, macht Talion den Gandalf und kehrt wieder von den Toten zurück – und mit ihm noch ein alter Elfengeist namens Celebrimbor, für den der Tod auch nicht cool genug war. Versehen mit einem gerüttelt Maß an Zorn auf Sauron und seine Schergen stiefelt man mit Talion und Celebrimbor durch ein offenes Mordor, um so manchen Ork von der Bürde eines angewachsenen Kopfes zu befreien und somit Rache zu üben.

 

Es warten zwei recht überschaubare Gebiete namens Udûn und Núrn darauf, von Ork-Leichen gepflastert zu werden. Dabei behilflich sind ein Schwert, ein Dolch und ein Geisterbogen, den man durch die Anwesenheit Celebrimbors mit sich führt. Mit diesen Werkzeugen kann man schon vom Start weg ganz ordentlich Tod und Verderben verteilen. Das Kampfsystem erinnert recht stark an die Batman-Reihe und funktioniert auch ähnlich gut. Block und Parade sind des Waldläufers bester Freund und halten den Kombozähler schön oben, denn je höher die Kombo, desto deftiger die Maulschelle. Im weiteren Verlauf kann man über den veritabel ausgestatteten Skill-Tree noch weitere Fähigkeiten freischalten wie beispielsweise die Finisher, die jedem Standard-Ork direkt das Gedärm neu sortiert. Oder aber man entscheidet sich für eine der Geistfähigkeiten und kann somit beispielsweise über einen Geisterschuss anstelle eines Pfeils in Person zum Opfer-Ork seiner Wahl gebeamt werden, um ihm Mano-a-Mano die Fratze in den Nacken zu drehen. Diese und viele weitere lustige Fähigkeiten erweitern des Waldläufers Kampfeskunst und machen ihn so zu einer mächtigen Einmann-Geist-Armee. Vielleicht etwas zu mächtig, da der gemeine Wald-und-Wiesen-Uruk recht schnell kaum noch eine Bedrohung darstellt. Nur die schiere Masse macht die tumben Trampel gefährlich.

 

Werden es doch mal zu viele, ist der taktische Rückzug angesagt. Gerade in den Festungen strömt unablässig neues Ork-Geschmeiß auf Talion ein. Hier ist die Brechstange nicht angebracht. Glücklicherweise ist Talion solch ein Leichtfuß und kann so fast überallhin schleichen. Hinterrücks lassen sich reihenweise die Feinde niederstechen, ohne dass jemand etwas mitbekommt. Das geht so weit, dass man sich durch eine komplette Kompanie an Orks von hinten nach vorne durcharbeiten kann, ohne dass es einer der Gegner mitbekommt. Auch verlieren sie recht schnell das Interesse an Talion, wenn sie ihn aus den Augen verlieren. Flüchtet man sich an die Spitze eines Turmes ohne Ausweg, hat die Ork-Rotte schnell vergessen, warum sie überhaupt um das Gemäuer herum versammelt ist. Etwas mehr Intelligenz hätte nicht geschadet, da der Stealth-Modus insgesamt zu mächtig geraten ist.

 

Doch warum macht man das eigentlich? Die Idee hinter dem ansehnlichen Gemetzel ist, Saurons Armee zu schwächen. Und hier kommt das Kernstück von Mordors Schatten ans Licht: Politik und Intrigen oder auch das Nemesis-System. Die Orks werden hierarchisch durch Captains und Hauptmänner angeführt. Diese über den Anduin zu schicken ist das Mittel der Wahl, um die Schergen, die für den Tod von Talions Familie verantwortlich sind, anzulocken. Dabei hat jeder Captain und Hauptmann völlig eigene, zufallsgenerierte Stärken und Schwächen, welche jeweils andere Herangehensweisen erfordern. So fürchtet sich beispielsweise Captain A vor Feuer, Hauptmann B hingegen wird sauer, wenn er Feuer sieht, und ist somit schwerer zu besiegen. Die Schwächen und Stärken herauszufinden und auszunutzen ist essenziell, wenn man gegen die Übermacht bestehen will. Denn nicht selten kommt es vor, dass sich mehrere Anführer an einer Stelle befinden und man sich gegen mehrere gleichzeitig behaupten muss. Ein weiterer Pluspunkt sind die Reaktionen der Anführer auf das Erscheinen Talions. Falls man bereits einmal gegen einen Anführer angetreten ist, nehmen sie Bezug auf Verlauf und Ausgang des letzten Kampfes. So beispielsweise auf die Schmerzen und Narben, die ihnen zugefügt wurden, oder den Spaß, den sie beim letzten Mord an Talion hatten. So erzeugt man Immersion und verleiht den ansonsten gesichtslosen Feinden einen Charakter.

 

Aber die Orks sind sich untereinander auch nicht immer grün. Das Machtgeflecht ist ständig in Bewegung, Machtkämpfe unter Captains, Exekutionen oder Rekrutierungen von anderen Clans, die meist blutig durchgeführt werden, sind keine Seltenheit. All diese Vorkommnisse kann man sich zunutze machen, um sich die Schlachten zu erleichtern. Denn im weiteren Verlauf ist es möglich, Captains zu kontrollieren und für sich kämpfen zu lassen. Und was gibt es Befriedigenderes, als einem Hauptmann dabei zuzusehen, wie er von seinen korrumpierten Leibwächter-Captains die Schwerter in den Rücken gejagt bekommt, während man selbst Pfeil um Pfeil in seine hässliche Visage tackert? Die taktischen Möglichkeiten, die sich durch das höchst gelungene Nemesis-System ergeben, sind gar mannigfaltig.

 

Da die ganze Ork-Schlachterei auf Dauer anstrengend ist, hält Mordors Schatten noch weitere Freizeitangebote bereit, um dem überarbeiteten Waldläufer Entspannung zu verschaffen. Diverse Nebenaufgaben liefern neben monetären Belohnungen, die für die Verbesserung der Waffen dienen, interessante Hintergrundgeschichten über die Vergangenheit Mordors und Celebrimbors. Auch werden auf diese Weise interessante Nebencharaktere – wie ein Zwergenjäger namens Torvin oder mein klarer Favorit Ratbag der Feige, ein Ork mit hohen Ambitionen und null Rückgrat – eingeführt. Sogar Gollum ist sich für ein kurzes Gastspiel nicht zu schade. In diesen Nebenmissionen werden nette kleine Geschichten erzählt und fördern die Immersion im Spiel. Allerdings ist es schade, dass nach den paar Missionen mit den jeweiligen Charakteren nie wieder von diesen gehört wird. Vor allem bei Ratbag hat es mich traurig gestimmt, da man ihm beim Aufstieg vom lumpigen Fußsoldaten zum Hauptmann behilflich war, nur um ihn dann durch einen generischen Machtkampf blutend im Staub wiederzufinden. So gut die Nebencharaktere und deren Einführung gelungen sind, so schade ist es, dass sie, nachdem sie ihren Zweck für die Story erfüllt haben, wieder fallen gelassen werden. Daneben finden sich noch die üblichen Lückenfüller Marke „Finde dies“ und „Sammle soundso viel davon“, die zwar Belohnungen in harter Münze liefern, ansonsten aber recht ermüdend wirken.

 

Bildergalerie von Mittelerde: Mordors Schatten (13 Bilder)

Die Präsentation des spaßigen Ork-Gemetzels ist durchaus gelungen. Die zwei Gebiete bezaubern mit dichter, schön anzusehender Vegetation, die man so in Mordor nicht erwartet hätte, welche von einem dynamischen Wettersystem umschmeichelt werden. Selten sah prasselnder Hagel auf einem durchnässten Ledermantel besser aus. Auch die Licht- und Partikeleffekte wissen zu begeistern. Brennende Orks sind schon Zucker für die Augen, vor allem, wenn sie sich anschicken, in Höhlen in Flammen aufzugehen, wo fluoreszierende Schmetterlinge anmutig um den schwelenden Körper herumtanzen. Die Charaktermodelle können durch Detailreichtum begeistern, denn jede vernarbte Ork-Fratze sieht anders aus und wurde mit Liebe zur Hässlichkeit gestaltet. Das Gleiche gilt für Talion selbst und eigentlich alle anderen Charaktere auch.

 

Auch der Gehörgang kommt nicht zu kurz. Die musikalische Untermalung hätte auch in jedem Herr-der-Ringe-Film seinen Platz gefunden und bewegt sich qualitativ ganz oben. Von ruhigen, getragenen Stücken, bis hin zu mächtigem Gestampfe, das zu den intensiven Kämpfen passt, wird hier die ganze Bandbreite abgedeckt. Die Stimmen der Charaktere tun der Atmosphäre keinen Abbruch und sind wie schon die Musik sehr gut gelungen. Während die deutschen Sprecher einen erstaunlich anständigen Job abgeliefert haben, überzeugen dennoch die englischen Stimmen am meisten. Gerade Celebrimbors sonore Bassstimme zeugt von einer gelungenen Stimmwahl.


Das Fazit von: Beef Supreme

Beef Supreme

Die Herr-der-Ringe-Reihe gehört für mich zum Besten, was die Fantasy hervorgebracht hat. Das gilt für das Buch sowie für die Filme. Und gerade deswegen war ich von den bisherigen Spielumsetzungen meistens enttäuscht, da sie nie die Qualität der Vorlagen auch nur im Ansatz erreicht haben. Mittelerde - Mordors Schatten schafft das auch nicht. Es kommt aber verdammt nah ran. Mit dem Nemesis-System hat Monolith eine richtig gute Idee auch noch richtig gut umgesetzt und verleiht der Welt so eine Lebendigkeit, die anderen Spielen meist fehlt. Gepaart mit den umfangreichen Kampffähigkeiten ergeben sich so nicht nur stylishe und intensive Kämpfe, sondern auch noch viele taktische Möglichkeiten, was die Gefahr mindert, auf immer gleiche Weise Orks niederzumachen und so einen Abnutzungseffekt zu erzeugen. Nur ist die Schleicherei etwas zu mächtig geraten, bzw. die Orks sind zu doof. Ansonsten ist ein rundes und gut funktionierendes Kampfsystem entstanden. Auch gefallen haben mir die Nebencharaktere und deren Geschichten innerhalb der Nebenmissionen. Dass sie aber von jetzt auf nachher einfach verschwinden, hätte nicht sein müssen, hier hätte Monolith sich eine elegantere Lösung einfallen lassen können. Aber alles in allem ist Mittelerde – Mordors Schatten ein richtig gutes Spiel geworden, dass den Geist der Vorlage einfangen kann und über 30 Stunden zu begeistern weiß.


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positiv negativ
  • Hübsche, offene Welt
  • Schicke Wettereffekte
  • Interessante Geschichte
  • Gelungenes Nemesis-System
  • Spannende Nebenquests
  • Lange Spieldauer
  • Vielfältige taktische Möglichkeiten
  • Anführer mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen
  • Exekutionen mit Schmackes
  • Stealth zu stark
  • KI etwas zurückgeblieben
  • Öde Sammelaufgaben
  • Talion etwas zu stark





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