Euro Truck Simulator 2

Euro Truck Simulator 2

Publisher: Rondomedia
Entwicklerstudio: SCS Software
Genre: Rennspiel
Sub-Genre: Simulation
Art: Midprice
Erscheinungsdatum: 19.10.2012
USK 0

Euro Truck Simulator 2   25.11.2012 von Torsten

Neben den vielen Formel 1-Rennspielen und regelmäßigen Need for Speed-Ablegern gibt es auch die Sparte der Alltags-Simulationen. Ob nun Züge, Maschinen der Landwirtschaft oder aber die hier zu behandelnden schwergewichtigen Sattelschlepper simuliert werden sollen, wichtig ist die vermittelte Atmosphäre. Realistisch soll es zugehen, aber am Ende auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Die Sofahelden wagen das Experiment und verfrachten den Action-Raser zur Abwechslung einmal auf den Bock eines fast 20 Meter langen Sattelzugs.

 

Es ist ein heikles und überaus gefährliches Experiment. Anstatt fünf Mal die Woche ins Fitness-Studio zu laufen, sitze ich mir den Hintern auf dem Sessel platt. Wieso das Ganze? Ich muss die Verwandlung vom „Krieger“ zum „Schneemann“ vollenden. Schluss mit Protein-Shakes, Bier muss in den Kühlschrank. Weg mit dem Haargel, die Frisur sieht man unter dem Basecap sowieso nicht mehr. Ich werde zum Vollblut-Trucker mit Bierbauch, kariertem Baumwoll-Hemd und Stoppel-Bart. Es war ein schwerer Einstieg, denn einige Tage lang hatte ich mit schwerwiegenden Bedien-Problemen zu kämpfen. Eine fehlerhafte Erkennung der Analog-Trigger meines Gamepads war schuld, sodass mein Truck nur mit Halb-Gas unterwegs war. Aber das war sicherlich nur die Strafe vom Gott der Trucker. Wer bitte schön fährt denn einen 16 Meter langen Stahlkoloss mit einem Gamepad? Also flugs das Lenkrad aus dem Schrank geholt und das frisch gebügelte Baumwoll-Hemd übergestreift. JETZT bin ich fertig. Ich setze mich an das Lenkrad und tauche tief in eine nach Diesel und Fastfood riechende Welt ein. Die Verwandlung ist vollzogen.

 

Es ist 18.53 Uhr. Ich habe noch keinen eigenen Lkw und daher wähle ich aus der hiesigen Auftragsliste einen geeigneten Fahr-Job aus. Meine Wahl fällt auf die Fahrt von Frankfurt nach Nürnberg, die Strecke ist mir bereits bekannt. Mein Navigationssystem zeigt 246 Kilometer an, aber da ich auf dem Sessel eines Valiant F16H mit satten 600 PS Platz nehmen darf, sollte sich die Fahrt nicht all zu lange hinziehen. Das Baby zieht den aufgeladenen Bagger auch steilste Rampen mühelos hinauf. Nach einigen Minuten bin ich aber verwundert, dass ich mich noch immer nicht auf der A3 befinde, die ich persönlich nun wählen würde, wenn ich in Richtung Südosten unterwegs bin. Stattdessen führt mich mein Weg über eine Landstraße, die sich stellenweise in engsten Serpentinen dahinwindet. Genervt drücke ich auf das Gas, als ich nach rund 100 Kilometern immer noch nicht auf eine Autobahn aufgefahren bin. Ich verfalle in einen wahren Geschwindigkeitsrausch, denn seltsamerweise regelt der Lkw entgegen der Autobahnfahrt hier nicht bei 90 Stundenkilometern ab. Bei Tempo 105 muss ich dann aber wegen einer weiteren S-Kurve bremsen. Und dann passiert es: Die enge Landstraße und eine Unachtsamkeit meinerseits lassen mein Führerhaus leicht in den Gegenverkehr ragen. Dumm nur, dass ein entgegenkommender Lkw das selbe Platzproblem hat. Ein Zusammenstoß offenbart einen beträchtlichen Schaden am Lkw. Auf die Polizei oder gar einen Abschlepper muss ich aber nicht warten. Der Betrag von 400 Euro wird sofort von meinem Konto abgebucht und ich setze meine Fahrt mit der kuriosen Streckenfindung fort. Nach etwa 130 Kilometern Wegstrecke führt mich mein Navigationssystem dann endlich auf die A3 nach Nürnberg. In der Autobahnauffahrt stirbt mein Motor allerdings ab. Ob nun doch noch ein Abschleppdienst seine Arbeit verrichten muss? Ein Druck auf den Starter und der Motor heult wieder auf. OK, der Unfall hat seine Spuren hinterlassen, aber das Zugfahrzeug fährt noch. Es ist schon nach 23 Uhr als ich endlich in den Hinterhof der Speditions-Firma in Nürnberg einfahre. Die Abrechnung für mein Malheur bekomme ich nun siedend heiß präsentiert. Geld habe ich nämlich keines verdient, da mich der Unfall zusätzlich zu den 400 Euro Bußgeld stolze 5464 Euro gekostet hat. Da ich gerade einmal 3500 Euro verdient habe, hätte ich mir die Fahrt also wirklich sparen können. Schlimmer noch trifft mich der Malus auf dem Erfahrungspunkte-Konto. Denn die 295 erfahrenen Punkte werden mit einem Abzug von satten 452 Punkten für den Unfall überzuckert. Ich habe also nicht nur kein Geld verdient, ich bin sogar erfahrungsmäßig abgesunken. Es ist eine harte und erbarmungslose Welt.

 

Bis ich das gewaltige Straßennetz komplett abgefahren habe, werden unzählige Stunden vergehen. Zahlreiche Städte beweisen mit unverkennbaren Wahrzeichen individuellen Charakter. Als Kölner erkenne ich meine Heimatstadt natürlich an Gebäuden wie dem Kölner Dom, den Köln- oder den Fernsehturm wieder. Allerdings sind diese Wahrzeichen auf der linken Rheinseite. Fahren darf ich allerdings nur auf der „Schäl Sick“ und auch dort allenfalls in Köln-Deutz, was allerdings fast keine Ähnlichkeit mit dem Stadtteil hat, das ich in meiner Erinnerung mit mir herumtrage. Durchsichtige und doch undurchdringliche Wände markieren die künstlichen Enden in meiner neuen Welt und dass ich nicht einmal über den Rhein fahren kann, musste ich erst einmal verdauen. Schlimmer sind jedoch die unsichtbaren Wände, die am Streckenrand existieren und ein Wendemanöver über Grasland vereiteln. Vielleicht vernebeln aber auch Fastfood und Bier so langsam meine Sinne. Es bleibt nicht viel Zeit, über die Sinnhaftigkeit meiner neuen Welt zu diskutieren, denn hier wollen etliche Kilometer abgerissen und Aufträge erledigt werden. Als Auftragsfahrer ist weit nicht so viel Geld zu verdienen, wie als Besitzer einer eigenen Spedition. Bis zu fünf Trucks lassen sich in einer Niederlassung parken, weitere Niederlassungen in anderen Städten gründen und zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Außerdem will ich mir meinen Lieblings-Bock noch etwas pimpen. Aus einer Produktpalette von rund 1000 verschiedenen Tuning-Teilen darf ich da wählen. Da ist längst nicht nur alles optisches Beiwerk. Neben praktischen Zusatzspiegeln und neuen Armaturen sind auch leistungssteigernde Upgrades möglich. Damit lässt sich dann am Ende sogar noch zusätzliches Geld verdienen und Spaß machen sie erst recht. Immerhin verbringe ich die meiste Zeit des Tages in einer dieser Kabinen. Nur gut, dass sich hier eigene MP3-Tracks importieren lassen und selbst Internet-Radiosender lassen sich abspielen.

 

Bildergalerie von Euro Truck Simulator 2 (13 Bilder)

Schluss mit lustig war das Ganze allerdings im Vereinigten Königreich. Das Straßennetz umfasst neben den heimischen Gefilden noch Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Schweiz, Slowakei, Tschechische Republik, Polen...kurz Luft holen...und Italien. Aber hier geht alles den gewohnten Weg. Auf dieser dämlichen Insel allerdings – die über Euro-Tunnel oder Fähre zu erreichen ist – fahren die Leute auf der falschen Seite! Es hat keinen Kilometer gedauert, ich wollte nur noch schnell eine Fuhre Kfz-Teile nach Southampton karren, da ist mir so ein dümmlicher Falschfahrer glatt in meinen frisch getunten MAN gerauscht. Und ich soll daran auch noch schuld sein?! Überhaupt haben die anderen Verkehrsteilnehmer hier einen an der Waffel. Egal ob ich blinke oder hupe, sie reagieren kaum bis gar nicht auf mein Verhalten. Selbst entgegenkommende Brummi-Kollegen, die es ja besser wissen müssten, machen mir keinen Platz beim Ausscheren und blockieren stumpf die Fahrbahn. Naja, jedenfalls habe ich durch diese Verzögerung meine mögliche Lenkzeit überschritten und mir sind die Augen ständig zugefallen. Durch diese Schwarzblenden bin ich dann auch noch mit meinem Auflieger an so einem überflüssigen Mauervorsprung hängengeblieben. Fast hätte ich es nicht mehr auf den Firmen-Parkplatz geschafft. Ich hätte wohl doch die letzte Raststätte ansteuern sollen, um ein kleines Nickerchen zu machen, zumal für die Fahrt kein Zeitlimit bestand. Meine Fähigkeitspunkte habe ich nämlich in die Beförderung von wertvoller Fracht und eine bessere Langstreckenvergütung investiert und nicht in diese hektischen Just-in-time-Lieferungen.

 

Meine neue Wirklichkeit ist optisch über jeden Zweifel erhaben. Gestochen scharfe Verkehrsschilder, detaillierte Fahrzeuge und interaktive Cockpits. Ich sehe sogar die Fahrer in den anderen Fahrzeugen, nicht aber meine eigenen Hände. Allerdings sind die Städte sonst menschenleer. Hier läuft niemand mehr, wozu gibt es auch Autos? Unfälle wirken sich zwar auf den Fahrzeug-Zustand aus, optisch bekomme ich davon allerdings nichts mit. Selbst nach dem Frontalzusammenstoß auf der Landstraße sahen die beteiligten Fahrzeuge wie neu aus. Mein aussetzender Motor sprach da allerdings eine andere Sprache. Die dröhnenden Motoren-Sounds, die sich noch beträchtlich verstärken, wenn ich meinen Kopf zur Seitenscheibe hinausstrecke, unterscheiden sich von Modell zu Modell. Allerdings erlebe ich bis auf die musikalische Untermalung eine akustisch einsame Welt. Mir fehlen die belebenden Außengeräusche der brodelnden Industrieviertel. Außerdem könnte das Navigationssystem doch wenigstens mit mir reden. Es zeigt mir den Weg an, aber seit wann sprechen die Teile eigentlich nicht mehr?

 

Es wäre schön, eine optional einstellbare weibliche Stimme zur Abwechslung auf den langen Fahrten zu hören. Damit könnte ich mich auch eher auf den Verkehr konzentrieren. Denn Verkehrsverstöße werden unmittelbar geahndet und von meinem Konto abgezogen: Ob ich nun kurz gegen die Fahrtrichtung oder ohne Licht fahre oder aber das Rotlicht einer Ampel ignoriere. So bessere ich oft die Kassen der Kommunen auf. Aber wenn ich über den Bürgersteig fahre, riskant überhole, den Blinker nicht setze, Verkehrsschilder umsemmel oder aber mit mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt brettere, klingelt es kurioserweise nicht in der Kasse. Aber ein wenig Freiheit soll mir dann auch noch gegönnt sein.


Das Fazit von: Torsten

Torsten

Der Euro Truck Simulator 2 simuliert das Alltagsleben eines Brummi-Fahrers vom anfänglichen Angestellten bis hin zum Besitzer einer eigenen Spedition mit mehreren Niederlassungen. Natürlich wird hier nicht in Echtzeit gefahren, so braucht es für eine 200 Kilometer weite Strecke nur eine Viertelstunde, aber Geduld müssen Spieler dann doch aufbringen, denn gerade Langstrecken-Fahrten zehren irgendwann an der Substanz. Entschädigend für die lange Fahrzeit bietet das Spiel eine dichte Atmosphäre, die ein Eintauchen in die virtuelle Welt einfach macht. Der Euro Truck Simulator 2 ist die mit Sicherheit die beste Lkw-Simulation auf dem Markt.


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positiv negativ
  • Etwa 1000 verschiedene Tuning-Optionen
  • Realistische Geräusche
  • Tag- und Nachtwechsel
  • Hübsche Regen- und Nebeleffekte
  • Viele Städte mit erkennbaren Wahrzeichen
  • Echtes Brummi-Feeling
  • Detaillierte Fahrzeuge und Cockpits
  • Fast ganz Europa im Straßennetz
  • Zahlreiche Kamera-Ansichten
  • Keine Fußgänger
  • Kaum Außengeräusche
  • Schwache KI
  • Schweinwerferlicht wird nicht reflektiert
  • Keine Navi-Stimme
  • Furchtbares Hupen-Geräusch





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