Interview mit Regisseur Lars Kraume

Interview mit Regisseur Lars Kraume

Genre: Interview

Interview mit Regisseur Lars Kraume   03.11.2010 von DeWerni

Vor Kurzem haben wir euch bereits vom Kinofilm „Die kommenden Tage“ berichtet. Für die Vorabpräsentation sind wir extra für euch nach Berlin gereist. Am Rande der Präsentation hatten wir dann auch die Möglichkeit, einige der Beteiligten persönlich zum Film zu befragen. Heute bekommt ihr unser Interview mit Regisseur Lars Kraume vorgestellt.
 

Glücklicherweise konnten wir euch vor einigen Tagen bereits einen Vorabbericht zum Kinofilm aus deutscher Produktion „Die kommenden Tage“ präsentieren, den ihr hier noch einmal nachlesen könnt – und das obwohl der Film selber erst am 04. November dieses Jahres in unsere Kinos kommen wird. Auf Einladung von Universal Pictures sind wir aus diesem Grund extra für euch nach Berlin geflogen. Am Rande der Präsentation hatten wir dann die Möglichkeit, einige der am Film beteiligten persönlich zu interessantem Thema zu befragen. Heute können wir euch ein Interview mit Lars Kraume präsentieren, der gleich drei Rollen im Rahmen des Films zu bewältigen hatte: Er war Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in einem. Auch wenn der 1973 in Chieri, Italien geborenen Lars Kraume nicht allen von euch etwas sagen wird, so ist er im Genre doch kein unbekannter. Während er bei Badlands Film, die auch „Die kommenden Tage“ produziert haben, Gesellschafter ist, war er schon bei diversen anderen Filmproduktionen als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent tätig, darunter beispielsweise „Guten Morgen, Herr Grothe“, „Keine Lieder über Liebe“ oder diverse Tatortverfilmungen. Dafür hat er außerdem  einige Preise wie den Adolf-Grimme-Preis 2008 in der Kategorie Fiktion “ oder den  Deutschen Fernsehpreis 2007 in der Kategorie Beste Regie jeweils für „Guten Morgen, Herr Grothe“ bekommen.

Sofahelden
: Hallo Herr Kraume! Es handelt sich ja bei „Die kommenden Tage“ um einen Film der in der Zukunft spielt. Sehen Sie ihn deswegen eigentlich im Science Fiction Genre?

Lars Kraume
:
Nein, wobei diese Genredefinitionen immer sehr schwierig sind. Science Fiction hat für mich eher eine Verknüpfung mit einer Wissenschaftsfiktion, worauf es uns hier nicht so sehr ankommt. Man möchte wohl mit dem Genre ausdrücken, dass der Film eben in der Zukunft spielt. Ich würde es einfach als Zukunftsdrama bezeichnen. Es fliegen hier ja nicht Menschen mit irgendwelchen Aliens im All rum, es handelt sich vielmehr um denkbare und mögliche, zukunftsnahe und glaubwürdige Entwicklungen.

Sofahelden
: Warum war es Ihnen persönlich so wichtig, diesen Film zu machen? Gab es auch einen Punkt in Ihrem Leben, der Sie vielleicht dazu gebracht, sich solche Gedanken um die Zukunft gerade auch in Deutschland zu machen?

Lars Kraume
: Es gibt einen ganz persönlichen Grund, ich bin 2005 das erste Mal Vater geworden. Und ich habe dann natürlich begonnen, mir mehr Gedanken um die Zukunft zu machen. Und es gibt noch einen anderen Grund dafür. Es gibt ein Projekt, das ich schon lange machen wollte, es heißt „Lagos brennt“ und spielt im totalitären Nigeria im Jahre 2050. Aus diesen Gründen habe ich mich schon länger mit der Zukunft beschäftigt und hatte dann eben die Idee, einen Film zu machen, der heute ansetzt und für den Zuschauer eine langsame schleichende Reise in die nahe Zukunft darstellt. Es war für mich auch einfach in den letzten Jahren das Projekt, was mich am ehesten gereizt und nicht losgelassen hat.

Sofahelden
: Sie hatten bei dem Film ja die Rollen von Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Musste man als Regisseur oder Produzent vielleicht auf einige Passagen oder Szenen verzichten, die man als Drehbuchautor, also von der Seite der Story her, aber als ganz wichtig empfand?

Lars Kraume
: Es gab in der ersten Fassung des Drehbuchs eine weitere Passage, die für uns tatsächlich auch aus finanziellen Gründen nicht realisierbar war, und das war der Krieg in Turkmenistan, in dem sich Deutschland engagiert. Außerdem beschäftigt mich der Irak Krieg und ähnliche Kriege in den letzten Jahre auch sehr und es wäre dem nicht gerecht gewesen, nur mal schnell für ein Kapitel rein- und wieder rauszuspringen und so kam es dann mehr oder weniger automatisch dazu, dass der Fokus auf die Berliner Familie und deren direkte Umfelder gelegt wurde. Somit konnten dann wenigstens die Auswirkungen des Krieges detailliert dargestellt werden. Ansonsten gibt es aber auch noch einen Prolog und einen Epilog, die aus der Kinofassung rausgeschnitten wurden, aber später auf DVD und Blu-ray mit veröffentlicht werden.

Sofahelden: Der Titel „Die kommenden Tage“ klingt schon so faktisch. Glauben Sie denn, dass ihr Szenario wirklich eintreffen und es so kommen wird, wie es die Story prophezeit?

Lars Kraume
: Ich weiß natürlich genauso wenig wie jeder andere, wie die Zukunft aussehen wird und ich werde mich jetzt nicht hinstellen und sagen, dass es genauso kommen wird. Jeder Film über die Zukunft spiegelt so ein wenig die Zeit wieder, in der er gemacht wurde. Deswegen haben sich auch viele Science Fiction Filme in Zeiten des kalten Krieges  um Atombomben gedreht. Im Fall von „Den kommenden Tagen“ glaube ich, dass die angesprochenen Themen wahnsinnig akut sind und unsere Welt tatsächlich nachhaltig verändern werden. Ich glaube außerdem, dass wir in einer Zeit leben, die von baldigen großen Umbrüchen gezeichnet sein wird. Man hat anhand der Finanzkrise gesehen, wie schnell vielleicht auch eine Währungsunion in Europa zusammenbrechen kann. Ich glaube damit also an Vieles, was da im Film skizziert wird und habe auch versucht, nur das mit einzubringen, an was ich wirklich glaube. Einige Sachen vor allem technischer Natur werden wir sicherlich in den Griff bekommen, vor Vielem können wir uns auf Dauer aber nicht schützen und das ist beispielsweise, dass wir von unserem wahnsinnig hohen Lebensstandard in Deutschland auf Dauer runter müssen.

Sofahelden
: Wenn man sich dann so die eventuell mögliche Zukunft aus der Sicht des Films anschaut, hat man  dann mehr oder weniger zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder lässt man die Welt untergehen oder man tut etwas und „pflanzt einen Baum“?!

Lars Kraume
: Aus meiner Sicht und grundsätzlich sollte man immer einen Baum pflanzen. Der Film hat bewusst keine Botschaft, weil die angesprochenen Themen im Film viel zu komplex sind, als ob ich mich hinstellen und sagen könnte: „So wird’s gemacht!“ Ich glaube deshalb auch, wir haben sehr viele Möglichkeiten, mit einer solchen Situation umzugehen, nicht die Flügel zu strecken oder einen Baum zu pflanzen. Jeder muss auf seine Art schauen, wie er die Zukunft gestalten mag und wie er will, dass die Welt in Zukunft aussehen wird. Für die einen bedeutet das Aktivismus, wie man es im Moment vielleicht auch bei Stuttgart 21 sieht,  für den anderem eventuell einfach Kinder zu bekommen und den Fortbestand der menschlichen Art zu sichern. Alle vier Hauptfiguren und das, was sie im Film tun, finde ich auf jeden Fall besser, als  das was ganz viele andere Menschen tun, nämlich die Zukunft gar nicht zu gestalten und einfach nur ihren täglichen Trott zu leben. Alle vier sind für mich Weltveränderer und dafür mag ich sie.

Sofahelden
: Wie sehen Sie das internationale Potential des Films? Es ist für den deutschen Film nicht immer ganz einfach, sich gegen die teilweise übermächtige Konkurrenz aus dem Ausland zu beweisen.

Lars Kraume
:
Der Film ist international noch nicht ausgewertet, er hat jetzt erst mal am 04. November seinen Deutschlandstart und dann wird man sehen, wie die internationale Resonanz ist. Universal bringt den Film raus und Universal Internation in London hat den Film schon gesehen und sie finden ihn ganz toll. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Sofahelden
: Haben Sie denn jetzt, nachdem die eigentlich Arbeit an „Die kommenden Tage“ beendet ist, schon das nächste Projekt in Aussicht?

Lars Kraume
:
Es gibt ein Projekt – „Schwestern“ – und wir hoffen, dass wir die Finanzierung dafür bis zum kommenden Sommer sichern können. Es handelt sich um eine ganz schöne Reise um drei Schwestern – mehr kann und darf ich dazu nicht sagen.

Sofahelden: Wie war denn eigentlich die Stimmung am Set, da der Film doch sehr zum Nachdenken anregt? Hat man das während der Dreharbeiten auch gemerkt?

Lars Kraume: Ja, die Themen des Films wurden innerhalb des Teams sehr viel diskutiert.  Es wird auf der DVD ein Making-Of geben, das wie ein eigener Dokumentarfilm aufgebaut ist. Dieser ist von einem venezolanischen Teammitglied, der die Dreharbeiten von Anfang an aus der Sicht eines Menschen, der eben in Südamerika aufgewachsen ist und der sich dann auch Gedanken darum gemacht hat, was die Deutschen für einen Film drehen und für ein Theater darum machen, wenn es ihnen mal ein wenig schlechter geht, obwohl der Lebensalltag in seiner Heimat komplett anders aussieht. Aus diesem Grund macht er sich von Anfang an wahnsinnig lustig über das Thema des Films, was dann ein wenig wie die Schattenseite dasteht. Diese Dokumentation ist schon sehr gut und stellt eine andere Perspektive auf den Film dar. Aber klar, die Themen des Films haben auf alle Fälle auf das Team abgestrahlt, aber nicht in der Hinsicht, dass jetzt alle betroffen den Kopf hingen ließen, sondern dass man sich mit dem Thema auseinander gesetzt und diskutiert hat. Ganz egal, welche Meinung man zum Film hat. Wenn man eine hat, dann hat man sich seine Gedanken darüber gemacht und das war das Ziel.

Sofahelden: Ja, dann bedanken wir uns recht herzlich bei Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen und dem Film in den kommenden Wochen viel Erfolg!

Der Film läuft deutschlandweit am 04.11. in unseren Kinos an. In den nächsten Tagen werden wir euch noch ein Interview  mit einem der Hauptdarsteller aus „Den kommenden Tagen“ August Diehl präsentieren. Dieser hat auch schon in großen  Hollywoodproduktionen wie beispielsweise Inglorious Basterds mitgespielt und hat noch ein paar interessanten Hintergrundinformationen zu dem Film und seinen Themen zu bieten. Wir hoffen, euch für heute mit interessanten Informationen gefüttert zu haben und ihr seid schon ganz gespannt auf den Film!




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