Tropico 4

Tropico 4

Publisher: Kalypso
Entwicklerstudio: Haemimont Games
Genre: Wirtschaftssimulation
Sub-Genre: Aufbausimulation
Art: Fullprice
Erscheinungsdatum: 20.10.2011
USK 12

Tropico 4   29.11.2011 von GloansBunny

Mit Tropico 4 serviert Kalypso den lang erwarteten Nachfolger eines Spieles, dessen Vorgänger als eine der besten Aufbau- und Wirtschaftssimulationen gelten. Ob der aktuelle Teil so luxuriös ist wie ein Fünf Sterne All Inclusive Hotel oder doch nur einer billigen Absteige gleicht, wird folgender Test zeigen...

Angenehme 35 Grad herrschen im Schatten der Palme, unter der ich liege. Einen exotischen Cocktail in der einen Hand, eine dicke, aromatische Havanna in der anderen, vor mir das türkisblaue Meer - so lässt es sich leben. Noch während ich meine knackige Bräune bewundere und mit meinem großen Zeh zufrieden viele kleine Dollarzeichen in den weißen Sandstrand unter mir zeichne, sehe ich  einen hübschen, durchtrainierten Beach Boy auf mich zukommen. Etwas verschämt blitzen mich seine grünen Augen an, als er sich räuspert und mir mit einem fragenden "Señora?" ein Handy reicht. "Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber ich habe hier ein wichtiges Telefonat für sie." sagt er mit der mir seit Jahren vertrauten, spanisch angehauchten Stimme. "Der Vizepräsident bittet um Ihre Unterstützung. Das Ergebnis vom Volksentscheid über den Standort Ihrer goldenen Statue ist da und der Außenminister benötigt noch ein paar Unterschriften. Außerdem würde Kuba Ihnen gerne eine Zigarrenmanufaktur widmen und unser Nachbarland bittet höflich um einen Blitzkrieg. Wenn Sie meine Hilfe benötigen, rufen Sie mich einfach. Adiós, Senõra." Herrgott noch mal, kann man denn nicht mal ein paar Minuten seine Ruhe haben? Seufzend führe ich das Handy an mein Ohr und genieße dabei die ansehnliche Rückansicht meines persönlichen Assistenten, der mir später unbedingt noch die Schultern mit Sonnencreme einschmieren muss;  selbstverständlich erst, nachdem ich meinen Pflichten als Präsidentin meines Inselstaates nachgekommen bin. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren ...

Von meinem imaginären karibischen Idyll aus geht es über das Hauptmenü erst einmal direkt ins Tutorial von Tropico 4, wo mich ein General Santana mit viel Humor in die hohe Kunst der Steuerung einführt. Dort lerne ich mit dem linken Analog-Stick die Kamera horizontal und vertikal zu bewegen, und sie mit dem rechten Stick zu drehen und zu zoomen. Die Aktionstaste (Y) erlaubt das Öffnen des Konstruktionsmenüs und (A) dient als Bestätigungsknopf. AKtionen abbrechen kann man mit (B) und mithilfe von (X) die Personenanwahl auswählen. Im Untermenü erlauben die gleichen Tasten weitere Vorgänge, wie beispielsweise Beschlüsse erlassen oder die Avatar-Bewegung. Mit dem DigiPad werden Spielgeschwindigkeit und Menüseiten ausgewählt, die Schultertasten unterstützen beim Auswählen von Personen oder springen zu besonderen Ereignissen. Select zeigt aktuelle Aufgaben und Start führt ins Einstellungs- und Speichermenü. Obwohl die teils doppelte Controllerbelegung kompliziert scheint, ist sie schnell und einfach verinnerlicht, was auch den stets eingeblendeten Buttonzuordnungen zu verdanken ist. Natürlich können PC-Spieler über die Steuerung eines Simulationsspieles per Analog-Stick nur müde lächeln, allerdings steht diese Variante der Präzision einer Computermaus in nichts nach. Lediglich die Scrollgeschwindigkeit hätte bei der Konsolenversion noch ein kleines bisschen höher sein dürfen.

Beim Soundtrack hingegen gibt es nichts zu beanstanden. Die Titelmusik mit ihren Flöten und den typisch karibischen Steel Pans verankert sich von der ersten Sekunde an fest im Ohr. Das klingt eindeutig nach Sonne, Meer und Urlaub und fühlt sich sogar so an, wenn man in der heimischen Badewanne den extremen Ohrwurm-Sound vor sich hinsummt. Auch die deutsche Synchronisation der NPCs ist absolut hörenswert. Egal ob der amerikanische Ölmagnat mit texanischem Akzent um eine Bohrung bittet, der chinesische Minister mit Subventionen droht oder ob einer der vielen Berater eine amüsante Mischung aus Spanisch und Deutsch zu einem Hinweis formuliert, alles fügt sich stimmig in die musikalische Tropenatmosphäre ein. Jeder einzelne Charakter ist liebevoll vertont und die Individualität der Sprachfärbungen macht die Figuren wahnsinnig sympathisch - zudem die Dialoge eine ordentliche Prise Humor beinhalten. Auch die kleinen, aber feinen Soundeffekte fallen positiv auf. Vom Möwengeschrei über das Meeresrauschen bis hin zu Feuerwehrsirenen: Jeder Effekt kann eindeutig zugeordnet werden. Für das Gesamtkonstrukt Soundgestaltung trifft es ein berühmter Werbesatz exakt: "Geht ins Ohr, bleibt im Kopf".

Mit der grafischen Umsetzung verhält es sich wie mit dem Ballermann zur Hochsaison: ein zweiter, genauerer Blick enthüllt den ein oder anderen optischen Leckerbissen. Jedes Level startet mit einer hoch angesetzten Iso-Perspektive. Sie ist übersichtlich, aber leicht verwaschen. Umso überraschender ist das Ergebnis, das man nach einem beherzten Zoom erhält: fließende Texturen, knallige Farben und sehr detaillierte Kulissen. Wo zunächst nur eine Farm zu erahnen war, entdeckt man bei maximaler Vergrößerung Bananenstauden mit vielen kleinen Früchten unterm Blätterdach oder beispielsweise ein voll eingerichtetes Café mit winzigen Tassen auf den Bartischen. Zudem ist die Tropeninsel in besiedelten Arealen sichtbar belebt. So streifen etwa Ziegen durchs Gelände, patrouillieren Soldaten vorm Präsidentenpalast oder bewirtschaften Bauern ihre Felder. Überall spazieren Touristen durch die Straßen, gehen Arbeiter ihrer Tätigkeit nach und flitzen Fahrzeuge jeglicher Art von einem Ende der Insel zum anderen. Die vielen Animationen verleiten nicht selten zum längeren Beobachten, buchstäblich an jeder Ecke kann man neue Details entdecken. Die feinen, flüssigen Animationen von Tropico 4 stecken jedes Command & Conquer locker in die Tasche. Qualität und Quantität sind hier klasse kombiniert und ein Garant für stundenlanges Sehvergnügen.

Wirtschaftssimulationen haben den Ruf, meist recht zäh zu sein und einen enormen Schwierigkeitsgrad zu besitzen. Anfangs macht diese Behauptung auch bei Tropico 4 den Anschein, der allerdings eher durch die ungewohnte Steuerung und den enormen Menüumfang entsteht als durch den Spielverlauf selbst. Hat man das hilfreiche Tutorial gemeistert, beherrscht man bald die Grundlagen und kann Schritt für Schritt auf diesen aufbauen. Vom primären "Häuslebauer" mausert man sich so schnell zum versierten Präsidenten. Bereits ab der zweiten Kampagnenmission muss man geschickt auf Forderungen anderer Länder oder von Investoren eingehen, um rasch das jeweils im Briefing angegebene Level-Ziel zu erreichen. Da die Aufgaben stets leicht verständlich formuliert sind und in regelmäßigen Abständen Hilfsgelder aufs virtuelle Konto wandern, wird der Einstieg ins wirtschaftliche Handeln deutlich erleichtert. Im Spielverlauf nimmt der Schwierigkeitsgrad allerdings schnell zu und fordert taktisches Denken. Erst die Exportzahlen an China erhöhen oder die inseleigene Touristenbranche fördern? Das richtige Mittelmaß aus sparen und investieren ist der Schlüssel zum Erfolg. Ebenso wichtig wie ein ausgeglichener Haushalt ist die Zufriedenheit der Bevölkerung. Viele verschiedene Fraktionen gilt es, milde zu stimmen. Es ist allerdings nicht immer leicht, die jeweiligen Wünsche zu erfüllen, da zum Beispiel die Kommunisten mehr Rumfabriken fordern, wohingegen die Öko-Anhänger natürlich für mehr Umweltschutz plädieren. So wandert man stets auf einem sehr schmalen Grat und nur mit viel Geschick, Übersicht und Feingefühl ist es möglich, alle Gruppierungen gerecht zu behandeln. Gut, dass im aufschlussreichen Statistikmenü neben In- und Exportverhalten auch die Bedürfnisse der unterschiedlich gesinnten Parteien einsehbar sind. Auf einen gelegentlichen Blick in dieses Menü sollten dann auch Taten folgen, denn nur so ist eine ausreichende Zahl an Wählerstimmen garantiert. Und wie schon ein altes Sprichwort sagt: "Nur eine gewonnene Wahl ist eine gute Wahl." Je nach persönlicher Einstellung darf in diesem Falle natürlich auch nach Lust und Laune das Ergebnis verfälscht oder die Gunst der Wähler auch durch Bestechung oder Gewaltandrohungen erlangt werden. Dies kann allerdings auch schnell einmal einen Streik oder auch Proteste nach sich ziehen. Die über 20 Missionen bieten anfangs immer neue Szenarien, ab der fünften Amtsperiode wiederholen sich aber die zu erfüllenden Aufgaben bei deutlich steigendem Schwierigkeitsgrad leider. Nichtsdestotrotz ist das Balancing aber relativ fair und für erfahrene Strategiespieler gut zu meistern, auch wenn mit Haupt- und Nebenaufgaben die Karte manchmal fast überquillt vor lauter Job Symbolen. Naturkatastrophen und Ministerien bringen frischen Wind in den sonst etwas zu baulastigen Inselalltag. Und wem es dann doch einmal zu monoton werden sollte, der kann sich auch einfach mit dem Editor beschäftigen. Die vorgefertigten Alter Ego in seinen ganz eigenen El Presidente zu verwandeln macht Spaß und alleine die Beschreibungen zu den unzähligen Charaktereigenschaften sorgen für das ein oder andere Schmunzeln.

So, nachdem ich an diesem herrlich sonnigen Tag ein paar neue Waffenfabriken gebaut, die Ökos verärgert, den Russen ihren Anteil für was auch immer gezahlt und die Löhne der Bauarbeiter gesenkt habe, ist es Zeit für meinen wohl verdienten Feierabend. Nun muss ich nur noch eben den vom Tornado zerstörten Küstenabschnitt wieder aufbauen und ein paar der Streikenden verschwinden lassen. Dann steht auch meiner nächsten Präsidentschaft nichts mehr im Wege - und wer weiß, vielleicht bin ich ja beim nächsten Mal Revolutionärin statt Tyrannin? Mal sehen, erst einmal spaziere ich ganz gemütlich an meinem Privatstrand entlang zurück zu meinem Palast - schließlich muss mir ja noch mein Beach Boy die Schultern eincremen.


Das Fazit von: GloansBunny

GloansBunny

Eigentlich bevorzuge ich echte Shooter, Actionspiele und RPGs, da ich bislang in meiner "Zockerkarriere" meist überfordert war mit Aufbau- Simulationen. Wenn dann noch eine Ladung wirtschaftliches Handeln mit dazu kommt, war mein virtuelles Konto meist sofort deutlich überzogen und mein Vorankommen in "Sim City" und Co zum Scheitern verurteilt. Aber mit Tropico 4 hat sich meine Meinung über dieses Genre wieder geändert. Das tolle Tutorial erleichtert den Einstieg in die umfangreiche Welt von Wirtschaft, Haushalt und Wählerforderungen. Die liebevolle Synchronisation und der eingängige Soundtrack machen die karibische Tropenwelt extrem sympathisch und auch die Animationen überzeugen. Lediglich die stellenweise etwas verwaschenen Texturen und die mangelnde Missionsvielfalt  trüben das Gesamtpaket ein wenig. Wer aber schon immer einmal Präsident einer eigenen Insel sein wollte (inklusive Ministerium und eigener Goldstatue), dem kann ich Tropico 4 nur wärmstens empfehlen. Ein nettes Stück Karibik an verregneten Herbsttagen!


positiv negativ
  • Steuerung gut auf Konsole umgesetzt
  • Tolle Synchronisation und Musik
  • Klasse Animationen
  • Viel Humor
  • Umfangreiche Missionen
  • Teils verwaschene Texturen
  • Missionen ähneln sich sehr
  • Schwierigkeitsgrad nicht für Genre- Neulinge geeignet





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