Until Dawn

Until Dawn

Publisher: Sony
Entwicklerstudio: Supermassive Games
Genre: Action
Sub-Genre: Horror-Action
Art: Fullprice
Erscheinungsdatum: 26.08.2015
USK 18

Until Dawn   07.09.2015 von GloansBunny

Das Horror-Adventure Until Dawn ist eines der meist ersehnten Spiele des Jahres 2015. GloansBunny durfte nach einer Gamescom-Vorführung nun endlich selbst den Controller in die Hand nehmen. Teenie-Horror oder Horror-Teenie...?

 

Ich sitze etwas eingeschüchtert in meinem Stuhl, der hinter dem gewaltigen Schreibtisch eher wie Zubehör für ein Puppenhaus wirkt. Die riesige Vogelspinne in einem Einmachglas vor meiner Nase und die blutbesudelten Fleischerhaken an der Wand im Hintergrund bereiten mir dabei allerdings noch das geringste Unbehagen, Psychiater Dr. Hill ist es, der mir mehr Angst macht.  Während ich per Bilderbuch wahrheitsgemäß immer tiefgründigere Fragen zu meinen innersten Urängsten beantworte, spricht der Seelenklempner mich direkt an: "Die Art und Weise wie du dieses Spiel spielst fasziniert mich, doch trotz deiner Nächstenliebe konntest du den Tod von Jessica nicht verhindern. Wer ist der Mörder? Bist du es? Bin ich es? Kannst du noch Realität von Wahn unterscheiden? Bin ich real?" Mit einem diabolischen Grinsen und Wahnsinn in den Augen lehnt sich Dr. Hill in seinem Sessel zurück und ich werde direkt in das nächste Kapitel und somit in die Haut eines der nun nur noch sieben lebenden Teenager von Until Dawn gesteckt. Was mich hier wohl erwartet? Keine Ahnung, vorhersehbar ist dieses Spiel nämlich nicht wirklich. Ich weiß nur, dass wir, also ich beziehungsweise die verbliebenen Teenies Sam, Mike, Josh, Matt, Emily, Ashley und Chris noch immer auf der Flucht vor einem irren Serienkiller und mysteriösen Ereignissen sind. Und dass jede noch so kleine der unzähligen zu treffenden Entscheidungen weitreichende Konsequenzen wie etwa den Tod eines der Kids nach sich ziehen kann. Until Dawn ist definitiv ein spielbarer Gruselfilm, der sich auf den Menschen, der den Controller in der Hand hält, einstellt und mit dem Butterfly-Effekt geradezu überrollt. Wer fällt dem psychopathischen Killer als nächstes zum Opfer? Und wer ist der Typ überhaupt? Und wie verdammt nochmal kann ich vermeiden, das noch einer der Charaktere auf grausame Art und Weise ums Leben kommt? Vor diese und viele weitere Fragen stellt mich Until Dawn immer und immer wieder, sofern ich einmal zwischen perfekt gesetzten Jumpscares, entscheidungsträchtigen Dialogen und herrlicher Gruselatmosphäre zum Nachdenken komme...

 

Steuerung und Sound: gekonnt geschlichen ist halb gewonnen, doch die Akustik tut es ganz
 
Until Dawn präsentiert sich mit einer erfreulich intuitiven Steuerung, die wahlweise im klassischen Stil via Analogsticks oder per Bewegungssensor ihren Weg auf die PlayStation 4 gefunden hat. Letztere wird aber nur zur Auswahl der Entscheidungen und zum Führen des Lichtkegels verwendet, alles weitere funktioniert genauso wie bei der Standardsteuerung: die Analogsticks dirigieren die Spielfigur und ihren Lichtstrahl, die Aktionstasten finden Verwendung in der Interaktion mit der Umgebung und bei den zahlreichen QuickTime-Events, während die Schultertasten Zugriff auf das informative Spielmenü gewähren, Objekte untersuchen oder die Spielfigur schneller gehen lassen. Das Manövrieren der einzelnen Figuren bei Until Dawn klappt erfreulich gut, auch wenn man sich an die Trägheit der Charaktere auch in Stresssituationen erst gewöhnen muss.
 
Beim Thema Sounddesign lassen sich die Entwickler von Supermassive Games nicht lumpen. Neben einem gelungenem Soundtrack im klassischen Teenie-Slasher-Stil glänzt Until Dawn vor allem im Bereich der Soundeffekte: Punktgenau vertonte Jumpscares mischen sich mit herrlich gruseligen Umgebungsgeräuschen und motiviert vertonten Dialogen. Deren Inszenierung erinnert immer wieder an Filme wie Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast oder Scream und spielt bewusst mit den klassischen Filmklischees, sodass man oftmals über die betont dämlichen Machosprüche der Jungs und über die zickigen Allüren der Mädels grinsen muss. Die akustische Atmosphäre von Until Dawn ist wirklich grandios. Wenn man mit einem der verängstigten Teenager durch ein Waldareal schleicht, durch dessen Bäume der Wind pfeift, während der Schnee unter den Füßen der Figur bedrohlich knirscht und immer wieder unheimliches Knacken, Knarzen und undefinierbare Schreie durch die Wege hallen, dann kommt richtig genretypische Gruselstimmung auf. Wer die Möglichkeit hat sollte unbedingt auf eine Surroundsoundquelle zurückgreifen, um das unheimliche Erlebnis vollständig genießen zu können.
 

Bildergalerie von Until Dawn (14 Bilder)

Grafik, Gameplay und Umfang: so schön war sterben noch nie, so intensiv und nachhaltig
 
Optisch spielt das exklusive Until Dawn die volle Power der PlayStation 4 aus. Gestochen scharfe Texturen, düstere, extrem detaillierte Kulissen und grandiose Licht- und Schatteneffekte buhlen mit den realistischen Animationen von Spielwelt und Charakteren um die Wette. Gerade die Gesichter der Figuren sind eine wahre Pracht, jede Pore, jedes Haar und jeder noch so kleine Muskel werden bis ins Detail dargestellt. Kein Wunder also, dass man den Teenies und Nebenfiguren ihre Emotionen wirklich abkauft, sobald man ihnen ins Gesicht schaut. Panik, Unwohlsein, Selbstsicherheit, innerer Zwiespalt, Schmerzen und viele weitere Gefühle spiegeln sich in den Augen und den Regungen wieder, was Until Dawn eine fast schon unheimliche Authentizität verleiht. Das Tüpfelchen auf dem sprichwörtlichen i sind schlussendlich die zahlreichen Rendersequenzen, die in cineastischen Bildern sowohl die Story vorantreiben, als auch auf mitunter drastische Weise das eventuelle Ableben einer oder mehrerer Charaktere zeigen. Gar so explizit wie in The Evil Within sterben die Teenies zwar nicht, Splatterfans kommen aber trotzdem auf ihre Kosten. Optisch ist Until Dawn also durchweg eine Augenweide, deren einziges kleines Manko in der nicht immer perfekten Lippensynchronität der deutschen Sprachausgabe liegt. Dies ist allerdings meckern auf sehr hohem Niveau...
 
Das Gameplay des Horror-Adventures vereint die typischen Klischees aus Neunziger-Jahre-Slashern wie Scream oder Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast mit schweißtreibenden Erkundungs- und Fluchtsequenzen, garniert das Ganze mit unzähligen Dialogen plus acht typisch amerikanischen Film-Teenagern und einem psychopathischen Killer. Fertig ist das vorhersehbare, langweilige und kaum überraschende 08/15-Gruselspiel? Nein, weit gefehlt, denn Until Dawn hat Dinge, die den Spieler weit mehr fesseln als ein herkömmlicher Splatter. Wie die wendungsreiche Story etwa, die zwar vermeintlich schon x Mal gesehen wurde, aber trotzdem die komplette virtuelle Weltanschauung ändert. So verschlägt es natürlich acht typische US-Teenies auf eine typisch unheimliche Berghütte, in deren Nähe ganz typisch ein Jahr zuvor zwei Freundinnen ermordet wurden. Und ganz typisch will die Truppe, bestehend aus dem typisch coolen Footballer Mike, dessen neuer sexy Flamme Jessica und seiner zickigen, arroganten Ex-Freundin Emily, der unsicheren Ashley, dem sympathischen Computernerd Chris, der taffen Sam und dem eigenbrötlerischen Josh, seines Zeichens Bruder der ermordeten Mädchen, dort ein wenig chillen. Doch als der Serienmörder plötzlich wieder auf der Bühne erscheint und das Haus mit seinen Bewohnern in Angst und Schrecken versetzt ist es vorbei mit dem jugendlichen Spaß. Niemand weiß wer der Killer ist und jeder kämpft ums Überleben, wobei sich die einzelnen Stärken und Schwächen der Charaktere zeigen.
 
Während man mit einer fest vorgegebenen Figur in der Third-Person-View durch das riesige Blockhaus, den angrenzenden Wald, eine verrottete Mine oder ein gruseliges, vermeintlich längst verlassenes Sanatorium streift wird man von der dichten Atmosphäre schier aufgesogen. Den Entwicklern gelingt es durch verschiedene Kamerablickwinkel, perfekt gesetzte Jumpscares und unvorhersehbaren Geräuschen ein herrlich gruseliges Szenario zu erschaffen, welches liebevoll die Teenie-Slasher der 1990er hommagiert. Neben allerlei Erkundungstouren durch die verschiedenen Kapitel lebt Until Dawn vor allem von seinen zahllosen Dialogen, die sich stimmig ins Spielgeschehen integrieren und die Story vorantreiben. Das Besondere sind hierbei die permanenten Entscheidungsfindungen, die der Spieler abarbeiten muss. So hat man immer eine Wahl, was die jeweils aktive Spielfigur als nächstes tun oder sagen soll, wobei sich jede noch so kleine Wahl signifikant auf den weiteren Spielverlauf und das Verhältnis zu den anderen Charakteren auswirkt. Der sogenannte Butterfly-Effekt, der besagt, dass jede noch so kleine Entscheidung einen undefinierbar großen Effekt nach sich ziehen kann, greift über 20 Mal aktiv in den Spielverlauf ein und verändert je nach getroffener Wahl alle weiteren folgenden Aktionen bis zum Schluss des Spieles. Und die Auswirkungen sind mitunter gewaltig: während kleinere zwischenmenschliche Dispute nur zu einem minimalen Sympathieverlust zueinander führen, können andere Taten zum Tod einer Figur führen. Da Until Dawn keine Rücksetzpunkte hat und zudem mit einem Permadeath-System arbeitet, bleibt ein verstorbener Charakter auch tot- was  sehr ärgerlich ist, da man zum einen eine enge Bindung zu den Teenies aufbaut und zum anderen mitunter ganze Handlungsstränge nicht zu sehen bekommt. Einfach einen alten Spielstand laden und alles nochmal anders machen ist nicht möglich. Nicht selten trifft man vermeintlich "gute" oder "richtige" Entscheidungen, nur um dann wenig später hilflos mit ansehen zu müssen, wie eine der Figuren aus eben jener Entscheidung heraus sterben sehen zu müssen. Den Entwicklern gelingt es perfekt, den Spieler in Until Dawn hinein zu ziehen, ihn mitfiebern und -fühlen zu lassen und jede Entscheidung zweimal überdenken zu lassen.
 
 
Until Dawn fühlt sich an wie ein spielbarer Horrorfilm, denn der Löwenanteil des Spieles besteht nun mal aus Dialogen und mal zu einfachen, mal beinharten Quicktime-Events, die teils eine enorm hohe Reaktionsfähigkeit abverlangen. Ein bisschen erinnert Until Dawn an Heavy Rain, allerdings mit erheblich spürbareren Auswirkungen und einem enorm authentischen Butterfly-Effekt. Für reine Action-Fans ist dieses rund acht bis zehn Stunden lange Singleplayer-Abenteuer nicht geeignet, auch wenn das Filmfeeling immer wieder durch kleinere Flucht- und Schuss-Passagen unterbrochen wird. Dank markerschütternden Jumpscares, von denen man zwar weiß, dass sie jetzt kommen müssten und man aber trotzdem mordsmäßig erschrickt, unterschiedlichen Charakterzügen und der Offenbarung vieler kleiner Teenager-Geheimnisse hat Until Dawn aber auch nicht mehr als die vorhandenen Action-Passagen nötig. Zumal die Glaubwürdigkeit ein klein wenig ins Wanken gerät, sobald Panik bei den Figuren aufkommt: wenn Mike beispielsweise angsterfüllt nach seiner verschwundenen Freundin sucht, aber trotz bis zum Anschlag gezogener "Rennen"-Taste und Zeitdruck im Nacken nur in gemächlichem Walking-Tempo über den Bildschirm schleicht, mag das irgendwie nicht so ganz passen. Der cineastischen Atmosphäre und dem Zwang, Until Dawn mindestens noch ein bis zwei weitere Male durchzuspielen, tut dies aber zum Glück keinen Abbruch. Denn mit gefühlten hundert verschiedenen Enden, angefangen bei "Keiner der Teenies überlebt" bis hin zu "Alle acht Teenies überleben" und allen Möglichkeiten dazwischen, ist der Wiederspielwert des Exklusivtitels immens hoch. Und neben dem Spielerehrgeiz gibt es unzählige Fundstücke zu entdecken, die in diversen Variationen die Hintergrundgeschichte der Geschehnisse zuvor zu einem großen Ganzen vereinen. Zeitungsausschnitte, Audiodateien, allerlei Krimskrams, Fotos und vieles mehr vereinen sich im übersichtlichen Inventarmenü Schritt für Schritt zu einem visuellen Rückblick, der so manchen "Aha"-Moment hervorruft. Ebenso verhält es sich auch mit den in allen 10 Kapiteln verstreuten Totems, die in einsekündigen Minivideos vor bedrohlichen Ereignissen und möglichen Konsequenzen warnen, ohne dabei dem Spieler zu viel vom weiteren Verlauf preiszugeben.
 
Man muss Until Dawn selbst gespielt haben, um das Ausmaß an Emotionen, Atmosphäre und Glaubhaftigkeit erfassen zu können. Man muss selbst erlebt haben, wie es sich anfühlt, einen liebgewonnenen Charakter sterben sehen zu müssen, nur weil man eine kleine Entscheidung nicht bis ins kleinste Detail überdacht hat. Man muss ihn einfach selbst erleben, diesen unglaublich tief unter die Haut gehenden, Selbstzweifel erweckenden und enorm süchtig machenden interaktiven Teenie-Splatter mit Suchtpotenzial. Man muss sie einfach selbst schreiben, die Geschichte, die man mit Until Dawn spielt und erlebt. Chapeau, Supermassive Games! Danke für diesen Genuss!

Das Fazit von: GloansBunny

GloansBunny

Ich habe mich nicht erst seit der Gamescom tierisch auf Until Dawn gefreut, sondern schon seit den ersten Trailern. Und nun durfte ich es nach einer beeindruckenden Presseaudienz bei den Entwicklern von Supermassive Games auch endlich selber spielen, dieses fast unbeschreibliche geniale Spiel. Until Dawn ist interaktiver Horrorfilm und Action-Adventure zugleich, vereint cineastische Gruselatmosphäre mit authentischen Charakteren und genialen Jumpscares zu einem selbst gestaltbaren Wechselbad der Gefühle. Der Butterfly-Effekt ist fast schon beängstigend real, die Atmosphäre zu gelungen und die Emotionalität, die das Spiel hervorruft, schier nicht auszuhalten, und man will immer mehr und mehr von Until Dawn. Stirbt ein Charakter durch die von mir selbst getroffenen, vermeintlich "richtigen" Entscheidungen, so macht mich das wütend und traurig. Entwische ich um Haaresbreite dem psychopathischen Killer, bin ich überglücklich und doch verunsichert. Ist das nun passiert weil ich eine kluge Entscheidung getroffen habe oder weil die Entwickler es so wollten? Until Dawn spielt mit den typischen Teenie-Slasher-Klischees und vereint das Beste vom Besten eines Horrorspiels. Es ist nie vorhersehbar und trotzdem angenehm vertraut, es ist einfach ein nahezu perfektes Spielerlebnis auf der PlayStation 4, hoher Wiederspielwert und x verschiedene Enden und Handlungen inklusive. Absoluter Pflichtkauf!


Die letzten Artikel der Redakteurin:


positiv negativ
  • Bombastische Grafik, grandiose Effekte, überragende Soundkulisse
  • Atmosphäre herrlich gruselig und authentisch
  • Hoher Wiederspielwert dank unzähliger Handlungen und Enden
  • Trotz Teenie-Slasher-Aufmachung nicht vorhersehbar
  • Permadeathsystem und Butterfly-Effekt einfach nur unglaublich
  • Tiefgründige Story mit vielen Überraschungen
  • Unzählige Fundstücke und Auswahlmöglichkeiten
  • Herrlich klischeebehaftete Charaktere mit Tiefgang
  • Lippensynchronität nicht immer vorhanden
  • Kleinere Balancingfehler (gehen/rennen)
  • Schwierigkeitsgrad wechselnd





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