Deus Ex- Human Revolution

Deus Ex- Human Revolution

Publisher: Square Enix
Entwicklerstudio: Eidos Montreal
Genre: Action-Rollenspiel
Sub-Genre: Schleich-Action
Art: Vollpreistitel
Erscheinungsdatum: 26.08.2011
USK 18

Deus Ex- Human Revolution    26.08.2011 von GloansBunny

Duke Nukem hat's vorgemacht, Adam Jensen macht´s nach: Manche Spiele brauchen viele Jahre Zeit, um schlussendlich fortgesetzt zu werden. Ob es sich lohnt, Sitzfleisch angesetzt zu haben oder ob Deus Ex - Human Revolution eher zur Kategorie "Zu-viel-Hype"-Spiel zählt, soll folgender Test klären ...

Da steht er, der Held meiner Jugend. Der lange schwarze Mantel umschmeichelt geschickt den muskulösen, pixelgestärkten Körper. Die dunklen Haare, der Dreitagebart, die ruhige, aber von Zweifeln geplagte Stimme - keine Frage, es ist J.C. Denton! Erinnerungen an unzählige durchgezockte Nächte regen sich in meinen Gedanken. Die packende Story, das ausgefeilte, extrem flüssige Kampfgeschehen und die schier endlos variablen Handlungsmöglichkeiten sind nur ein paar der Gründe, warum "Deus Ex" mich so lange an den damals noch hochmodernen Röhrenfernseher mit angeschlossener PS2 gefesselt hat. Klar, die PC-Spieler durften bereits kurz nach der Jahrhundertwende 2000 in den Cyberpunk-Kosmos von Teil Eins eintauchen, aber ich war nun mal schon immer ein "Konsolenjunkie". Dementsprechend wenig verwunderlich ist es, dass auch der Nachfolgetitel "Deus Ex - Invisible War" ein gern gesehener Gast im Laufwerk meiner ebenfalls vorhanden Ur-XBox war. Aber zurück ins Hier und Jetzt. Als die Kamera weitere Details des Alter Egos enthüllt, stelle ich fest: Das ist gar nicht J.C. Denton. Die modifizierten Armprothesen im Ladebildschirm und das toll inszenierte Intro machen mich also mit dem neuen Protagonisten bekannt: Adam Jensen. Da die Optik stimmt und der Name vielversprechend klingt, lasse ich mich natürlich erst recht auf ein Abenteuer ein. Und weil in der modernen Zeit ja auch die inneren Werte zählen, kann ich schon mal so viel verraten: Es bleibt nicht bei einem "One-Night-Stand"!

Die Story von "Human Revolution" spielt 20 Jahre vor der des ersten Deus Ex. Im Jahr 2027 herrscht bereits der Kriegszustand zwischen den altbekannten Fraktionen: Gegner und Befürworter der sogenannten Augmentierung. Dieses ist die komplexe Verbindung aus mechanischen, hoch technisierten Modifikationen von Körperteilen und Funktionen mit dem menschlichen Organismus, hergestellt von Firmen wie zum Beispiel Sarif Industries. Adam Jensen - einst rigoroser Kämpfer gegen die Großkonzerne - verliert bei einem Attentat nicht nur seine Arme, sondern auch seine Freundin. Getrieben von der Trauer um seine große Liebe und der bohrenden Frage "Warum?" lässt sich Jensen auf die Verpflanzung von Augmentierungen ein und gerät immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Intrigen und Verschwörungen.

Die Jagd nach Antworten beginnt im Firmenhauptsitz seines neuen Gönners Sarif Industries. Die Erkundung des Gebäudes dient hier sowohl als Einleitung der fabelhaften, extrem spannenden Story als auch zum Kennenlernen der Steuerung. Diese ist sehr einprägsam und schnell erlernt, zumal sie sich nur wenig von anderen Shootern unterscheidet. Der linke Analog-Stick bewegt Adam Jensen in die gewünschte Richtung, der Rechte justiert die Kamera und das Fadenkreuz. Die beiden Schultertasten sind für das tolle Deckungssystem und den Abzugsfinger reserviert. Die vier Aktionstasten leiten Bewegungsabläufe wie Springen, Interaktion, Waffe ziehen oder Nahkampfattacken ein, inklusive diverser Zusatzfunktionen. Auf dem Digikreuz liegen Spezialfähigkeiten. LB bewirkt einen kurzen Sprint, das Konterfei dient dem Werfen von Granaten, per Druck auf die Back-Taste öffnet sich zu gegebener Zeit ein Tutorial-Lehrvideo oder das Menü mit PDA, Missionsinfos und Augmentierungssystem.

Sämtliche Bewegungsabläufe gehen nahtlos ineinander über. Wenn Jensen sich beispielsweise zunächst hinter eine Brüstung kauert (die Ansicht wechselt hierbei automatisch in die Third-Person-Perspektive und garantiert so guten Überblick), flott hinüberspringt, um sich gleich darauf an einen Gegner anzupirschen und diesen lautlos auszuschalten, wirkt alles sehr geschmeidig. Die Animationen des Alter Ego sind sehr flüssig und verursachen ein wohliges "So kenn ich das"- Gefühl. Ganz anders sieht die Sache dann leider bei den NPC's aus. Der eine oder andere Widersacher oder Passant bewegt sich dagegen extrem hakelig und starr. Sehr schade, denn die sonst so schön gezeichneten und belebten Areale verlieren dadurch etwas an Atmosphäre. Mit Informationen vollgepackte Bildschirme säumen belebte Straßen und Gebäude, Menschen aller Art tauschen sich in Seitengassen über ihre Gesinnung aus, manch Mutiger zeigt sogar seine neueste Modifikation - und zwischen all diesen optischen Leckerbissen zuckt und ruckelt dann beispielsweise ein Wachmann durchs Bild. Was zunächst amüsant zu sein scheint, stört nach kurzer Zeit den sonst so angenehmen Spielfluss.

Vor allem bei den Dialogsequenzen sind solche Grafikfehler absolut fehl am Platz. Da der Großteil der Level meist an düsteren und kargen Orten spielt, fallen die vereinzelt auftretenden blassen Texturen weniger auf als eben erwähnte Fehler. Gut, dass zumindest die Zwischensequenzen sauber animiert und recht fein umgesetzt wurden. Generell ist Human Revolution dem Grafikstil des ersten Teils sehr ähnlich - Grautöne und etwas Gold dominieren dieses Action-Rollenspiel und erschaffen eine tolle Next-Gen-Atmosphäre. Die herrlich detailreichen Umgebungen lassen jedes Spielerherz vor Freude springen, denn es gibt unzählige Sachen zu entdecken. Überall liegen Zeitungen herum, Feuer flackert, Mikroskope und andere wissenschaftliche Gegenstände zieren die Laboratorien, Getränkedosen und Poster laden zum genaueren Hinsehen ein - schade nur, dass man lediglich mit den immer gleichen Dingen wie beispielsweise PCs und Toiletten interagieren kann. "Nur gucken, nicht anfassen" ist hier oft das Motto.

Eine alte Weisheit sagt: "Liebe geht durch den Magen." Da es sich mit einem Fünf-Sterne-Menü vor der Nase aber schlecht zocken lässt und ich schon längst die rosarote Deus-Ex-Brille trage, bevorzuge ich den Zusatz  "und Leidenschaft geht über die Ohren". Kenner der ersten Teile aus dem Cyberpunk erinnern sich noch zu gerne an das Musikdesign und auch der aktuelle Titel bietet ein wahres Verwöhnprogramm. Passend zum Szenario liefert Eidos Montreal fetzigen Elektrosound, der sich perfekt in das Spiel integriert. Zwar gibt es weniger Umgebungsgeräusche wie in anderen aktuellen Shootern, aber vorhanden sind sie natürlich trotzdem. Weniger ist ja manchmal bekanntlich mehr. Spätestens, wenn in guter Dolby-Digital-Manier die Kugeln an Adam vorbeifliegen, während die lichterloh brennende Kiste vor ihm bedrohlich knistert und sich gegnerische Soldaten Befehle zurufen oder Jensen verhöhnen, ist diese Einsparung vergessen. Den gut eingedeutschten und sehr glaubwürdigen Konversationen lauscht man gerne! Doch gerade, wenn man sich genüsslich der Soundkulisse hingibt, fällt der virtuelle Blick auf die sprechende Person. Fehlende Lippensynchronisation und spärlich ausgeprägte Mimiken machen dem Ohrenschmaus ein jähes Ende. Die Figuren sprechen weiter, obwohl sich ihr Mund nicht mehr bewegt - das zahlreiche Auftreten dieses schlechten Zusammenspiels zwischen Vertonung und Animation dämpft leider die Authentizität. "Revolution" ist das nicht.

Das Gameplay dagegen ist ebenso makellos wie die Tatsache, dass die deutsche Version des aktuellen "Deus Ex" das USK 18-Logo erhalten hat. Endlich darf getrost auch wieder im Heimatland eingekauft werden! Human Revolution bewegt sich im Sektor Action-Rollenspiel, und das zu Recht. Zwar orientiert sich das Dialogsystem am Genre-Bruder Mass Effect, das ist aber keineswegs als negativ zu beurteilen. Und das Beste daran ist, dass jede einzelne gegebene Antwort sowie jede getroffene Entscheidung Einfluss auf das weitere Spielgeschehen hat. Diplomatisch einer Frage ausweichen oder lieber auf die Provokation eingehen und Ärger machen? Das ist jedem Spieler selbst überlassen. Schlägt man den aggressiven Weg ein, entgehen Adam vielleicht nützliche Informationen. Die gibt es zwar buchstäblich an jeder Straßenecke in Form von E-Books, PDAs oder Gesprächsfetzen, aber viele der kleinen und großen Nebenmissionen erhält man eben auch durch Dialoge. Ist Adam zu sanftmütig, stirbt unter Umständen ein Unschuldiger. Aktion gleich Reaktion und das im Minutentakt! Benimmt sich Jensen sehr auffällig oder lässt sich entdecken, reagiert das Umfeld sofort darauf. Mit der Pistole in der Hand auf offener Straße herumlaufen führt - je nach Standort - zu Panik, Beschimpfungen oder Aggression. Gerade Straßenbanden, Polizisten und Wachen zögern nicht lange und greifen an. Meist ist Flucht das Mittel erster Wahl, denn im seltensten Fall wird Jensen von einem einzelnen Gegner verfolgt. Erst wird Verstärkung gerufen, dann systematisch das nähere Gebiet nach Adam durchsucht. Mit klopfendem Herzen rettet man sich in den nächsten Lüftungsschacht und lauscht den hektisch gerufenen Befehlen. Auch auf dem Radar sieht man die Feinde näher kommen, allerdings bleiben sie dann mit gezogenen Waffen vorm Schacht stehen und feuern. Im offenen Gefecht sollte man die künstliche Intelligenz der Widersacher nicht unterschätzen, da wird Deckung gesucht und von mehreren Seiten angegriffen. Schade, dass es dann bei einer Entdeckung Jensens aber ausreicht, in einen Tunnel zu fliehen und sicher sein zu  können, dass ihm niemand hinein folgt. Hier schwächelt die KI leicht.

Was die Deus Ex-Reihe auszeichnet, ist ihr Upgrade-System. Zahlreiche Augmentierungen laden zum Experimentieren ein. Upgrades am Kopf bewirken beispielsweise verbessertes Hacken (ein Minigame erlaubt das Umgehen von Knotenpunkten) oder erweitern das Radarsystem. Das Aufwerten anderer Körperteile verleiht mehr Ausdauer, Stärke und viele weitere Spezialfähigkeiten - die Auswahl ist riesig! Allerdings sollte jede Augmentierung wohl überlegt sein, denn es werden viele Erfahrungspunkte zum Stufenaufstieg benötigt. Praktisch, dass eben diese auch "ganz nebenbei" gewonnen werden, sowohl durch Erkundung neuer Wege als auch durch Ausschalten von Gegnern. Dies ist aber nicht zwingend erforderlich - theoretisch kann man Adam auch ohne einen einzigen Mord (Bossgegner ausgenommen) durch das komplette Spiel jagen. Und mit genügend Credits in der Tasche kann man beim zwielichtigen Händler seines Vertrauens auch die eine oder andere Waffe kaufen und modifizieren. Die Auswahl an Ausrüstungsgegenständen ist zwar geringer als im ersten "Deus Ex", dafür etwas übersichtlicher. Trotzdem wird es manchmal ziemlich eng im Inventar - aber natürlich gibt es für dieses Platzproblem auch eine passende Augmentierung.

Jede Mission ist einzigartig, von der Aufklärung eines Verbrechens über das Beschaffen streng geheimer Dokumente bis hin zum Auftragsmord ist alles vertreten. Ob man eine Quest annimmt und wie man sie beendet, ist je nach Moral anders. Die Areale sind teils sehr weitläufig und die Lösungswege stets variabel. Manchmal ist es von Vorteil, Feinde zu umgehen und leise zu arbeiten, statt wild um sich zu schießen (was natürlich auch Spaß macht). Und dann fragt man sich oft: "War es richtig, den Geiselnehmer laufen zu lassen und auf dessen Informationen zu vertrauen? Und hätte ich vorhin vielleicht etwas freundlicher zu der Empfangsdame sein sollen?" Fragen über Fragen und Hunderte Möglichkeiten, Adams Weg zu gehen. Dieser ist manchmal recht weit und unterbrochen von Ladezeiten über 30 Sekunden. Installation auf der Festplatte ist kein Muss, aber doch von Vorteil.

Eidos Montreal hat mit diesem Titel wirklich ein so umfangreiches Universum erschaffen, dass mehrmaliges Durchspielen fast schon selbstverständlich ist - mit frei wählbarem Schwierigkeitsgrad. "Human Revolution" ist trotz kleinerer Macken ein würdiger Nachfolger in der "Deus Ex"-Reihe!


Das Fazit von: GloansBunny

GloansBunny

"Deus Ex- Human Revolution" entführt in die Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft voller technischer Neuerungen. Die packende Atmosphäre, das grandiose Upgradesystem, massig Informationen an jeder Ecke und die vielen Missionen mit ihren unzähligen Lösungs- und Handlungswegen bilden ein extrem fesselndes Konstrukt aus Action- und Rollenspiel. So viel spielerische Freiheit in einem düsteren Szenario bietet derzeit kaum ein anderes Spiel, noch dazu mit so überragendem Spielfluss und klasse Steuerung! Kleinere Texturschwächen sind somit schnell verziehen, die sehr häufig auftretenden Animationsfehler in Dialogen allerdings weniger. Nichtsdestotrotz macht der lang erwartete dritte Teil ordentlich Spaß, überzeugt sowohl vom Gameplay als auch vom Sounddesign. Allein schon wegen der authentischen Geschichte über ein Netz voller Intrigen und Verschwörungen ist dieser Genre-Mix ein klarer Kauftipp! Adam Jensen ist gerissen wie Sam Fisher, schlagkräftig wie Marcus Fenix und cool wie Neo in seiner Matrix - aber mit Ecken und Kanten. One-Night-Stand? - Ausgeschlossen! Von Adam Jensen und seinen Augmentierungen kann man einfach nicht genug bekommen!


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positiv negativ
  • Grandiose Story
  • Einfache Steuerung
  • Klasse Upgradesystem
  • Unzählige Missionen und Lösungswege
  • Extrem dichte,detailreiche Atmosphäre
  • Einzigartiges Next-Gen-Level-Design
  • Toller Soundtrack,authentische Sprecher
  • Jede Entscheidung hat Konsequenzen
  • Flüssiges Gameplay
  • Cooler,gut animierter Held
  • Teils blasse Texturen
  • Relativ lange Ladezeiten
  • Hackelige,starre NPC-Animationen
  • Lippensynchronität gleich Null
  • KI nicht ganz ausgereift





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